… und dann fängt das Ganze wieder von vorne an!

„Januar, Februar, März, April – die Jahresuhr steht niemals still…“, singt meine 7-jährige Tochter während der Hausaufgaben. Ihre letzte Probe hatte das Thema Jahr, Monate, Wochen, Jahresrechnung usw. Irgendwie passend, wo das Neue Jahr noch so jung ist, noch so kalt und man auf die ersten Frühlingsboten wartet.

Wenn ich dann meinen Vater auf dem Friedhof besuche und mir die Endlichkeit des menschlichen Daseins wieder einmal schmerzlich bewusst wird, tut es meiner Seele umso wohler, wenn sie – gar nicht gewollt bzw. gepflanzt – das Grab und den gesamten Friedhof schmücken: die Frühjahrsblüher! Schneeglöckerl, Krokusse, Winterlinge, ja sogar die ersten Märzenbecher sehe ich schon in der einen oder anderen recht sonnigen Ecke.

Wie wenn sie trösten wollten und uns daran erinnern, dass alles ein großer Kreislauf ist. So wie das Jahr nach dem Winter wieder den Frühling kommen lässt, so erheben jedes Jahr aufs Neue die ersten verborgenen Blumenzwiebeln ihre bunten und farbenfrohen Blüten aus der Erde, bieten den Hummeln erste wichtige Nahrung und unseren hungrigen, von grau-tristen Bildern erschöpften Seelen die ersten frohen Farbtupfer.

Das Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) zeigt sich dabei mit dem Winterling (Eranthis hyemalis) meist als Erstes und hat damit noch eine enge Bindung zum Winter. Einer Geschichte nach ist das Schneeglöckchen – wie sein Name schon sagt – ein Freund des Schnees.

Denn einst haben alle Dinge auf unserer Welt ihre Farbe bekommen. Dabei durften zuerst die Pflanzen ihre Farben auswählen. So wählte sich die Narzisse das strahlende Gelb, der Mohn das leuchtende Rot, das Vergissmeinnicht das zarte Blau und alle kleideten ihre Blätter in sattes Grün und die Bäume ihre Stämme in kräftiges Braun. Die Elemente wollten auch Farben haben. Das Wasser erhielt das Blau wie das Vergissmeinnicht, die Erde das Braun wie die Stämme der Bäume, das Feuer war orangerot wie der Mohn und die Lilie. Aber der Schnee blieb dabei übrig. „Ich möchte doch auch gern eine Farbe haben“ wagte er sich vorsichtig vor. Er befragte die Pflanzen, ob nicht jemand seine Farbe mit ihm teilen wolle. Doch der Schnee war nicht sonderlich beliebt. Er war kalt und nass, er machte das Überleben schwer und keine Pflanze wollte etwas mit ihm zu tun haben oder mit ihm in Verbindung gebracht werden.

Nur eine kleine, recht unscheinbare Pflanze hatte Mitleid mit dem Schnee. Das Schneeglöckchen trat hervor und hat ihm von seiner weißen Farbe gegeben.

Seitdem sind der Schnee und das Schneeglöckchen eng miteinander verbandelt. Schmilzt im späten Winter der Schnee und gibt ein wenig Platz auf dem Boden frei, so lässt sich durch die lichter gewordene Decke das Schneeglöckchen erblicken, wie es seine zarten Glöckchenblüten den Sonnenstrahlen entgegenstreckt.

Und so stimmt der Anblick dieser frühen Blümchen auf das ein, was kommt. Wie immer von vorne. Noch ziehen wir mit unseren dicken Mänteln, warmen Mützen und gefütterten Schuhen durch Wald und Flur, doch nun im Februar hört man schon die ersten Vögel wieder morgens zwitschern und erfreut sich längerer Tage.

Es fängt wieder an. Unser Kräuterjahr. Auf eine Neues. Und das Schneeglöckchen macht den Anfang!

P.S. Vorsicht – so schön und zierlich es ist – verzehrbar ist es nicht. Es steht unter Naturschutz und ist ein giftiges Amaryllisgewächs. In diesem Fall: Hände weg und nur mit dem Seh- und Spürsinn wahrnehmen! Viel Freude damit!

Wie kleine grüne Finger

Wie kleine grüne Hände mit fünf zierlichen Fingerchen dran – so sehen die Blätter des kriechenden Fingerkrautes (Potentilla reptans) aus. Und dank dieser passenden Namensgebung kann man das kleine, nützliche und hübsche Kraut auch schnell erkennen und benennen. Mancherorts wird es sogar kriechendes Fünffingerkraut genannt – noch leichter also. Eine Verwechslung mit dem leicht giftigen kriechenden Hahnenfuß (Ranunculus reptans) kann man ausschließen, wenn man wirklich die fünf Finger abzählt – der kriechende Hahnenfuß hat nämlich nur drei Fiedern, die gezackt sind.

Nützlich ist es in vielerlei Hinsicht: Im Garten ist das kleine Rosengewächs (Rosaceae) ein ansehnlicher Bodendecker. Zu Anfang wollte ich im Garten jeden Wildwuchs unterdrücken, aber das kleine Fingerkraut erwies sich Jahr für Jahr als recht hartnäckig. Als ich mit zunehmender Zeit die Liebe zu den Wildpflanzen entdeckte, bedeckte das kleine Kraut schon länger die kahle Ecke eines Blumenbeetes und mittlerweile haben es Storchschnabel, Gartensalbei und Mädchenauge schon fast überwuchert und man sieht nur noch vereinzelt die kleinen Händchen und gelben Blütchen dazwischen aufblitzen.

Die Blätter sind etwas schwer zu kauen, deshalb eignet es sich in der Küche am besten zu gehackten Kräutermischungen. Mit den gelben glänzenden Blüten lassen sich die Teller hervorragend verzieren oder man streut die gelben Blütenblätter einfach als gelbe, essbare Farbtupfer auf den Salat, die Nudeln mit Wildkräuterpesto oder über das Fischfilet mit Wildkräuterkruste (irgendwann schaffe ich es, auch diese Rezepte online zu stellen…). Wem es nicht zu schade ist, der kann selbst die Wurzeln aus dem Garten ausgraben, reinigen und kochen. Sie schmecken leicht süßlich, ähnlich der Karotte. Ich lasse die Wurzeln aber lieber im Boden und ernte nur das Kraut und die Blüten.

Der Verzehr lohnt sich für den Körper: die Blätter enthalten Gerbstoffe, Bitterstoffe, Schleimstoffe, Flavonoide und Cumarine und reichlich Vitamin C. Das macht es auch für den sportlichen Kräuter-Liebhaber interessant – dieser hat ja in der Regel einen höheren Vitamin-Bedarf, um sich dem erhöhten „Stress“ durch die Leistungssteigerung des Körpers anzupassen.

Aufgrund seines Gehaltes an Gerbstoffen und Bitterstoffen wird es ähnlich dem Gänse-Fingerkraut von Alters her auch als Heilpflanze für Schmerzen und Krämpfe im Bauchbereich bzw. Verdauungstrakt angewandt. Sein Pflanzensaft reinigt das Blut und macht es dünnflüssiger. Daher soll der Tee aus dem Kraut auch Frauen helfen, die Krampfadern-geplagt sind.

Schlussendlich wissen auch meine Kinder etwas mit dem Kräutlein anzufangen: Darf ich vorstellen? Ein Blättermensch: Ein Körper aus Hainbuche, ein Kopf aus der Ackerwinde (davon habe ich leider auch reichlich im Garten), Beine und Füße aus dem Frauenmantel, und zum Schluss auf jeder Seite zwei kleine Blätter mit den je fünf Fingern – fertig ist ein grünes Kunstwerk, oder?