Nicht alle können vegan

Meine gesamte Familie liebt Fleisch! Alle. Mein Mann, meine vier Kinder, unser Hund (auch darunter soll es Vegetarier oder sogar Veganer geben!). Ich bin eine klitzekleine Ausnahme, denn ich esse hin und wieder mal auch ein kleines Stück Hähnchenbrust oder Ähnliches, aber ich kann sehr gut ohne Fleisch leben. Auch auf´s Brot braucht es für mich keine Wurst. Beim Rest der Familie wird es schwierig, überhaupt mal die „Drei-Tage-Regel“ einzuhalten (an 3 Tagen in der Woche gibt es bei uns Fleisch in der Hauptmahlzeit, ansonsten versuchen wir es ohne). Irgendeiner nörgelt immer (außer eben der Hund – der bekommt sein Hundefutter mit mindestens 50% Fleischanteil).

Veganer oder Vegetarier verbrüdern sich da gern mit der Pflanzenwelt. Die machen es einem doch vor, dass man sich quasi von „Luft und Liebe“ ernähren kann. Das heißt für unsere Flora: ein bisschen Wasser, ein bisschen Kohlenstoffdioxid und so ein paar Nährsalze – das reicht, um stark und gesund zu bleiben. Stimmt ja auch, zumindest bei den meisten.

Aber ein paar Vertreter unserer heimischen Flora schaffen das tatsächlich nicht. Das sind wirklich toughe Burschen, alles andere als Weicheier, aber rein vegan, das geht in ihrem Lebensraum einfach nicht. Dazu fehlt in ihren meist sehr nassen Biotopen einfach der Stickstoff, der aus Quellmooren und Moorwiesen oft zu stark ausgewaschen wird.

Nicht umsonst werden sie im Fachchargon „Carnivoren“ (von lat. carnis = Fleisch, vorare = fressen, verschlingen) genannt. Das sind Pflanzen, die tierische Bestandteile (meist in Form von Einzellern oder Insekten; daher auch „Insektivoren“) zu sich nehmen müssen, um ausreichend mit Mineralstoffen versorgt zu sein. Die meisten kennen diese Pflanzen aus dem botanischen Garten oder aus dem Gartencenter, wo sie vermarktet werden. Und, wenn man sie dort betrachtet, muten sie geradezu exotisch an, überhaupt nicht so, dass man darauf kommen könnte, dass sie auch bei uns heimisch sein könnten.

Und doch – es gibt diese Exoten auch bei uns. Sonnentau (Drosera)z.B. darf man oftmals in Mooren bewundern, dort ziert er ganze Felder am Boden und es werden Stege gebaut, damit wir Trampel von Moorbesuchern, ihn nicht kaputt treten.

Ich dagegen bin in meinem sogenannten „El Dorado“ (eine meiner liebsten Wiesen nahe meines Wohnortes, eine Feuchtwiese, die ich nur vorsichtig vom Rand aus betrete und immer wieder neue und seltene Schönheiten entdecke) einem Gewöhnlichen Fettkraut (Pinguicula vulgaris) über den Weg gelaufen. Und der Name „gewöhnlich“ wird dieser außergewöhnlichen Pflanze eigentlich nicht gerecht:

Es handelt sich beim Fettkraut um ein Wasserschlauchgewächs (Lentibulariaceae), was besagt, dass die Pflanzen dieser Familie oftmals keine oder nur sehr mickrige Wurzeln haben, sondern aufgrund ihres nassen Lebensraumes oft nur Wasserschläuche ausbilden. Fettkräuter haben reduzierte Wurzeln und stellen innerhalb dieser Familie eher eine Ausnahme in ihrem Aussehen dar.

Das Fettkraut sondert auf seinen hellgrünen rosettenförmig angeordneten Blättern einen klebrigen Schleim ab, auf dem vorbeischlendernde Käfer, Spinnen, Grashüpfer, Fliegen… kleben bleiben. Mithilfe weiterer Drüsen, die Verdauungsenzyme an der Blattoberfläche abgeben, können die hängengebliebenen Insekten verdaut werden.

Beim Gewöhnlichen Fettkraut handelt es sich aufgrund seiner Seltenheit um eine streng geschützte Staude. Früher haben sich die Senner die Blätter der Pflanze zunutze gemacht, denn das enthaltenen Labenzym (mit dem verdaut wird) wurde zum Eindicken der Almmilch verwendet. Dabei wurde v.a. das weiß blühende Alpenfettkraut (Pinguicula alpina) verwendet, das man ab und an auch noch in den Bergen finden kann (leider habe ich bei meiner letzten Tour am Hochmiesing kein Photo gemacht!).

Das gemeine Bergvolk nutzte das Kraut in der Volksheilkunde früher auch als Wundheilmittel bei gesprungenen Lippen, Brüsten oder allgemein aufgesprungener Haut. Auch bei Gicht rieb man die Glieder mit Salben ein, in die Fettkraut gemischt war. Die wundheilenden Eigenschaften sind der Zimtsäure zuzuschreiben, die in den Blättern neben dem Labenzym und eiweißspaltenden Enzymen enthalten sind. Diese Säure wirkt sehr positiv auf die Haut.

Auch bei Lungenerkrankungen, Keuchhusten und Hustenkrämpfen setzte man getrocknete Bätter ein, allerdings fast immer in Verbindung mit Sonnentau. Daher ist heute nicht ganz klar, ob die ihm zugeschriebene positive Wirkung auf Reizhusten nicht eher dem Sonnentau zu verdanken ist. Da die Blätter zudem Scharf- und Bitterstoffe enthalten, soll das Kraut abführend wirken.

Weil es aber dank dieser starken Nutzung sehr selten geworden ist, steht es heute zurecht unter strengem Schutz. Was dieses Kraut jedoch so besonders macht, ist doch irgendwie seine absolute Seltenheit und v.a. seine Schönheit. Mit seinen hellgrünen fleischigen Blättern und seinen blauen, gespornten zarten Blüten, die sich ganz zurückhaltend in die Wiese recken, wirkt es in dem Wirrwarr aus Grashalmen und Nachbar-Kräutern fast ein bisschen feengleich auf seiner Moorwiese. Ich bin jedenfalls immer wieder froh und dankbar, dass ich diese seltene Schönheit fast direkt vor meiner Haustür bewundern kann!

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Mehr Pflanzenportraits gibt es hier.

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