Interview: „Was die Leute kennen, schützen sie auch“

Hier geht´s zum Artikel in der Süddeutschen Zeitung…

Aber da dieser nur SZ-Abonenten zugänglich ist, darf ich den Inhalt des Interviews ab sofort auch hier abbilden:

Während der Pandemie haben Menschen vermehrt wild wachsende Pflanzen und Kräuter zum Kochen entdeckt. Wie schmackhaft das ist, weiß Caecilia Oponczweski aus Geretsried genau. Erst im Vorjahr hat  sich die gelernte Gartenbauingenieurin zur zertifizierten Wildkräuterpädagogin ausbilden lassen. In der Wachstumsphase sollte man nur Viehweiden meiden. Zudem kann die zunehmende Sammelleidenschaft in der Natur gefährlich werden. Vergiftungen haben heuer zugenommen. Erst kürzlich ist ein 48-jähriger Mann aus dem Landkreis Landshut in einer Münchner Klinik gestorben, weil er die hochgiftige Herbstzeitlose mit Bärlauch verwechselt und gegessen hat.

SZ: Frau Oponczewski, sollte man besser erst gar keine wilden Pflanzen  in der Natur zum Kochen zu sammeln?

Caecilia Oponczewski: Natürlich nicht. Eher im Gegenteil. Wir Kräuterpädagoginnen werben ja dafür, weil das gesund ist und schmeckt. Wichtig ist, dass man sich auskennt, sich ein bisschen mit der Flora beschäftigt. Es gibt gute Bestimmungsbücher und -apps. Generell sollte man  die Finger vom Sammeln lassen, wenn man sich nicht zu hundertprozentig sicher ist.

Sollte jeder interessierte Pflanzensammler also am besten erst eine Führung bei einer Kräuterpädagogin machen?

Das kann sicher nicht schaden. Grundsätzlich ist immer Vorsicht geboten. Ich kann keine Haftung übernehmen. Ich empfehle, sich jemand Erfahrenen in der Familie zu suchen, der sich schon lange mit Wildkräutern beschäftigt. Oft kommt unser Wissen ja von den Großmüttern, die damit aufgewachsen sind. Am besten lernt jeder durch Fühlen, Riechen und Schmecken.

Der Bärlauch soll  sich durch den Knoblauch-Geruch leicht identifizieren lassen.

Der Geruch wird dafür als Garant genannt. Wer aber ein Bärlauchblatt pflückt, hat den Geruch schon an den Fingern. Das kann man dann praktisch nicht mehr unterscheiden, wenn man weiter pflückt.

Verwechseln daher manche Menschen häufiger Herbstzeitlose mit Bärlauch?

Für den, der sich auskennt, ist es eher unwahrscheinlich beides zu verwechseln. Bärlauch wächst in großen Beständen im Wald. Die ersten Blätter kommen im März, April aus der Erde, gedeihen bis Juni. Später blühen sie, was nicht so gefragt ist. Dabei sind auch die Blüten essbar. Aus einer Bärlauch-Zwiebel entwickeln sich zwei deutlich gestielte Blätter. Bei der giftigen Herbstzeitlose sind es in der Regel drei bis vier Blätter, die aus einer Rosette ohne Stiel aus dem Boden wachsen. Die Herbstzeitlose wächst nicht in so großer Zahl und mehr am Waldrand und auf Wiesen.

Mit ein bisschen Umsicht lässt sich eine Verwechslung also vermeiden?

Am besten lässt man sich eine Stelle zeigen, wo Bärlauch wächst. Darauf kann man sich im nächsten Jahr verlassen. Verwechselt  wird der Bärlauch aber gerne mit den giftigen, in Laub- und Auwäldern vorkommenden Maiglöckchen. Deren Blätter sind eng zusammengerollt. Immer zwei Blätter kommen beim Maiglöckchen aus einer kantigen Scheide nach oben.

Die Natur hat gerade im Frühjahr sicher mehr zu bieten als nur Bärlauch.

Das ist eine ganze Menge. Löwenzahn zum Beispiel. Bis zu den Blüten ist eigentlich alles essbar. Im Mai und Juni kommt der Holunder. Die Mädesüß kann ich ähnlich wie die Holunderblüten etwa zu Sirup verarbeiten. Wer es würziger mag, greift zu Gundermann. Das passt gut zu italienischen Gerichten, etwa  auf die Pizza oder in den Salat. Ganz delikat sind die Samen des Spitzwegerich. Die sind wie kleine Nüsschen und schmecken angeröstet wunderbar. Man sollte aber auf die Dosierung achten. Wenn ich mehr als zehn Stiele Waldmeister in meine Maibowle mische, weiß ich dass die anschließenden Kopfschmerzen nicht allein vom Alkohol stammen.

Mit dem richtigen Pflanzenwissen kann jeder also einfach überall sammeln?

Generell sollte man nicht direkt an Wegrändern sammeln, weil dort viele Menschen mit Hunden unterwegs sind. Auch die  intensiv gedüngten Wiesen sollte man meiden.  Auch m Naturschutzgebiet sollte man das Sammeln lassen. Es ist ratsam, sich in der Gegend auszukennen. Wer pflückt, sollte nie mehr als einen Handstrauß an Pflanzen mitnehmen – der Natur und dem Eigentümer zuliebe.

Der Trend zum Sammeln von Wildkräutern ist also positiv?

Als Kräuterpädagogin sehe ich das natürlich gerne. In der Pandemie sind die Leute mehr zur Selbstversorgerrolle gezwungen und haben die Wildpflanzen für sich entdeckt. Solange die Menschen nicht maßlos sammeln, ist das zu begrüßen. Denn was die Leute kennen, das schützen sie auch.

Junge Bärlauchblätter in den Isarauen bei Geretsried

Ein Interview von Benjamin Engel aus der Süddeutschen Zeitung am 17.05.2021.

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